Bologna - Filmfestival 2018

Bologna - Il Cinema ritrovato

June 23 to July 1, 2018

Reihe: Sovjet Cinema

Chapajev

Directed by:   Sergej Vasiljev, USSR - Sovjet Union - 1934
Production: Lenfilm - Director: Grigori Vasiljev - Sergej Vasiljev - Scenario: Sergej Vasiljev - Grigori Vasiljev - Story: A Furmanova - Dmitrij Furmanov - Director of Photography: Aleksandr Sigajev - Aleksandr Ksenofontov - Composer: Gavril Popov - Art Director: Isaak Makhlis - Cast: Nikolai Simonov Zhikharev - Boris Andrejevich Babochkin Chapajev - Leonid Kmit Petka - Varvara Mjasnikova Anka - Boris Vladimirovich Blinov Furmanov - Grigori Vasiljev Offizier der Weissen Armee - Illarion Pevtsov Oberst Borozdin - Stepan Shkurat Borozdin's striker - Vjacheslav Volkov Yelan - Boris Chirkov Bauer - Sergej Vasiljev Leutnant -
Reviews in German: Als Georgij & Sergej Vasil'ev der UdSSR Čapaev gaben - so muss man das aus heutiger Sicht sagen, bescheidener geht es bei diesem Volksklassiker nicht -, hatte jeder eine Soz-Ikone dieses Kommandanten der Roten Armee vor seinen inneren Augen. Eigentlich kannte ihn jeder, auch wenn er einem nie begegnet war, denn Čapaev war einer der ihren, und jeder war Čapaev, auch wenn keiner ihm gleichen konnte. Diese Geschichte vom ungebildeten, doch brillanten Bauern, der ein Heer der Niederen und Geknechteten von Sieg zu Sieg führte, war der perfekte Stoff für einen stilbildenden soz-realistischen Actionfilm, der sich rasch in das Bewusstsein der Nation einbrannte: Mit seinen wuchtig-dynamisch inszenierten Gefechten - wogende Menschenmassen in weiten Räumen - und seinen oft rustikal ironischen Dialogen, die die bodenständig-komischen Seiten der Čapaev-Legende freundlich unterstreichen, entwickelte sich Čapaev zu einem der erfolgreichsten Werke in der Geschichte des sowjetischen Kinos. (R.H., www.filmmuseum.at)

Tschapajew erzählt die Geschichte des legendenumwobenen Helden Čapaev, der sich im Bürgerkrieg (1918–1921) vom Partisanenführer zum Divisionskommandeur der Roten Armee mausert. Čapaev ist alles, was man von einem sowjetischen Revolutionär erwartet: ein kleiner Handwerker ohne jegliche Bildung, der nach Wissen hungert, wagemutig und wild entschlossen ist, alles zu tun, um den Sieg der Roten herbeizuführen. Aber er ist auch draufgängerisch, undiszipliniert, egozentrisch (wer ist Alexander der Große schon im Vergleich mit Čapaev?) und ganz auf seine Truppe ebenso undisziplinierter und draufgängerischer Partisanen eingeschworen. Eben ein typischer Partisanenführer der Bürgerkriegszeit. Genau deshalb wird ihm Furmanov als politischer Kommissar zugeteilt, der aus dem Anführer einen Offizier machen und die Interessen der Partei vertreten soll.

Anfangs sind Furmanov und Čapaev wie Hund und Katze. Furmanov ist so ganz anders als alles, was Čapaev kennt. Er ist jung, gebildet, politisch geschult und hat immer ein Schmunzeln im Auge, während Čapaev gerade erst Lesen und Schreiben gelernt hat. Von der verworrenen Politik seiner Zeit weiß Čapaev nur, daß die Roten die Guten und die Weißen die Bösen sind. Als ihn einer seiner Männer fragt »Bist du für die Bolschewiken oder die Kommunisten?«, weiß er nicht recht, was er antworten soll, und redet sich mit »Ich bin für die Internationale« heraus. Čapaev ist gleichgültig, wie seine Männer (von ihm selbst ganz zu schweigen) aussehen oder sich verhalten, solange sie nur tüchtig zuschlagen können. Furmanov erwartet ordentliche Uniformen, Disziplin und einen Kommandeur, der mit gutem Beispiel vorausgeht. Čapaev hat nur eines im Sinn: die Weißen angreifen, wo immer er sie trifft. Furmanov verliert hingegen nie das große Ziel aus den Augen – militärisch, gesellschaftlich und politisch.

Allmählich lernt Čapaev Furmanov jedoch schätzen, macht sich seine Lehren zu eigen und freundet sich sogar mit der psychologischen Kriegsführung an. Als seine Leute zum Beispiel ein von den Weißen erobertes Dorf niederbrennen möchten, folgt Čapaev dem Rat des Kommissars und läßt das Dorf stattdessen von seinen Soldaten vor den Weißen schützen, um die Unterstützung der Dörfler zu gewinnen. Als Furmanov schließlich abberufen wird, fällt der Abschied tränenreich aus. Und von da ab geht’s bergab. Čapaev vergißt, was er vom politischen Kommissar gelernt hat, wird nachlässig und beschwört damit den Angriff der Weißen herauf, bei dem er selbst umkommt.

Als hier die Western aufkamen, spielten die Kinder mit Vorliebe Indianer. 1934 spielten sie von Moskau bis Vladivostok Čapaevcy. Ganze Fabrikbelegschaften gingen geschlossen mit Orchester und Spruchbändern wie »Wir sehen uns ›Tschapajew‹ an« ins Kino. 1935 wurde mit Tschapajew das erste sowjetische Filmfestival eröffnet. Doch nicht nur in der Sowjetunion schlug der Film hohe Wellen, sondern auch im Ausland. Von Berlin bis New York waren die Kritiker begeistert. Auf der Pariser Weltausstellung 1937 wurde Tschapajew – Paradebeispiel für den sozialistischen Realismus und randvoll mit sowjetischer Propaganda – mit dem Großen Preis ausgezeichnet. Und er wird zu den besten Werken der Filmgeschichte gerechnet.

Tschapajew traf genau den Zeitgeschmack. Er vereinigte Folklore und Western, Liebe und Krieg, Tragik und Komik in einem ausgewogenen Verhältnis und wurde mit einer Musik untermalt, die immer genau den richtigen Ton traf. Es hat den Anschein, als hätten die Vasil’evs aus allen Filmen der frühen Sowjetzeit das Beste herausgepickt und in diesem Film zusammengemischt: Lev Kulešovs/Лев Кулешов Montage, den Expressionismus Grigorij Kozincevs/Григорий Козинцев und Friedrich Ėrmlers/Фридрих Эрмлер und das rasante Tempo der Komödien Boris Barnets/Борис Барнет.

Zum Teil hatte die sofortige und enorme Wirkung auf das sowjetische Publikum nichts mit der Qualität des Films an sich zu tun. Auch die Filme der Avantgarde hatten international Begeisterung hervorgerufen, aber sie waren doch in erster Linie Filme für ein gebildetes Publikum. Sie berührten den Verstand, aber nicht das Herz. Sie erzählten keine Geschichte im traditionellen Sinne und hatten keine Helden. Genau die braucht man aber, wenn man die Massen erreichen und erst recht wenn man einen Mythos schaffen möchte. Und Čapaev war ein Held mitten aus dem Leben, mit dem sich jeder identifizieren konnte. Seine Geschichte war die vieler Zuschauer, die den Bürgerkrieg selbst noch erlebt hatten. Wen störte da schon, daß das Bild von den heroischen, mitfühlenden, alles Übel rächenden, durch und durch guten Roten und den grausamen, kalten, erzbösen Weißen nicht der Wahrheit entsprach? Ganz zu schweigen von dem noblen politischen Kommissar, der Ordnung ins Chaos bringt und alle mit sanfter Hand auf den rechten Weg führt? Das gehörte alles zum Mythos, zu dessen Festigung Tschapajew mit seinen volksnahen, zutiefst russischen Charakteren nicht wenig beitrug. Davon, wie sehr dieser Film Teil der modernen Folklore geworden ist, zeugen schon allein die zahlreichen geflügelten Worte, die aus dem Film hervorgegangen sind, etwa »Ruhe, Leute! Čapaev denkt!« (Тихо, граждане … Чапай думать будет!). Dafür spricht auch, daß in modernen Filmen immer wieder auf Tschapajew Bezug genommen wird. So etwa in Randgebiet/Окраина (1998, Petr Lucik/Петр Луцик) und Die Sonne, die uns täuscht/Утомленные солнцем (1994, Nikita Michalkov/Никита Михалков).

Tschapajew trug nicht nur wesentlich zur Schaffung des Revolutionsmythos und seiner Verankerung im Herzen (statt nur im Verstand) bei, sondern setzte auch einen entscheidenden Maßstab für den sozialistischen Realismus. Er war bei allen beliebt, weil er von allen verstanden wurde – vom Akademiker bis zum Kolchosarbeiter, vom Filmschaffenden (Ėjzenštejn war ein großer Bewunderer des Films) bis zum Partei-Ideologen (Stalin war begeistert). An diesem »von allen verstanden werden« mußten sich alle darauffolgenden Filme messen lassen (blog.ueber-setzen.com/?p=460)

Garmon'

(Accordion), Directed by:   Jevgenij Shnejder, USSR - Sovjet Union - 1934
Production: Mezhrabpomfilm - Director: Igor Savchenko - Jevgenij Shnejder - Scenario: Aleksandr Zharov - Igor Savchenko - Director of Photography: Julij Fogelman - Jevgenij Shnejder - Composer: S Potockij - Art Director: Valentina Hmeleva - Sound Engineer: E Derup - Cast: Igor Savchenko - Petr Savin - Nikolaj Jarochkin - P Gorelev - Zoja Fjodorova - N Zyrjanov -

Junost Maksima

Directed by:   Leonid Trauberg, USSR - Sovjet Union - 1935
Production: Lenfilm - Distribution: Sovexportfilm : Deutschland - Director: Grigorij Kozintsev - Leonid Trauberg - Scenario: Leonid Trauberg - Grigorij Kozintsev - Director of Photography: Andrej Nikolajevich Moskvin - Composer: Dmitrij Shostakovich - Cast: Pavel Volkov Workman - Leonid Solomonovich Ljubashevskij - Vladimir Sladkopevtsev - M Shelkovskij - S Leontjev Ingenieur - Boris Vladimirovich Blinov - Stepan Kajukov Dmitri ''Dyema'' Savchenko - Mikhail Tarkhanov Polivanon - Valentina Kibardina Natasha - Boris Chirkov Maksim - Aleksandr Kulakov Andrej -

Marionetki

Directed by:   Porfirij Podobed, USSR - Sovjet Union - 1934
Production: Mezhrabpomfilm - Director: Jakov Protazanov - Porfirij Podobed Co-Regie - Scenario: Jakov Protazanov - Vladimir Shvejtser - Director of Photography: Pjotr Jermolov - Composer: Leonid Polovinkin - Art Director: Moisej Levin - Sergej Kozlovskij - Cast: Vladimir Popov Weisser General - Mikhail Zharov - Pjotr Galadzhev - Ivan Bobrov - Sergej Komarov - Mikhail Rozen-Sanin - Ivan Zajtsev - Mikhail Kholodov - Aleksandr Zhukov - Nikolaj Bubnov Philosoph - Osip Basov Poet - Ivan Arkadin - Anatolij Ktorov Do, Prinz - Nikolaj Radin Re, Erzbischof - Valentina Tokarskaja Mi - Konstantin Zubov Fa, Faschist - Sergej Martinson Sol - Mikhail Klimov La - Sergej Tikhonravov Si - Leonid Leonidov - Vasilij Toporkov - Georgij Milljar -

Naslednyj prints Respubliki

(Crown Prince of the Republic), Directed by:   Eduard Ioganson, USSR - Sovjet Union - 1934
Director: Eduard Ioganson -

Pesn o schasti

(Song of Happiness), Directed by:   V Ljegoshin, USSR - Sovjet Union - 1934
Director: Mark Donskoj - V Ljegoshin - Cast: Janina Zhejmo - Vladimir Gardin Karl Vitachek -

Poruchik Kizhe

(Lieutenant Kije, The Czar Wants to Sleep), Directed by:   Aleksandr Fajntsimmer, USSR - Sovjet Union - 1934
Production: Belgoskino - Director: Aleksandr Fajntsimmer - Scenario: Yuri Tynjanov - Director of Photography: Arkadij Koltsatij - Composer: Sergej Prokofiev - Art Director: Pjotr Snopkov - Costume Design: M Itina - Cast: Leonid Kmit Other Count (/xx/) - Mikhail Rostovtsev Fortress commandant - Erast Garin Adjutant - Sofija Magarill Princess Gagarinas companion - Nina Shaternikova Prinzessin Gagarina - Boris Gorin-Gorjainov Graf von Pahlen - Mikhail Janshin Zar Paul I - Andrej Kostrichkin Army scribe (/xx/) -

Zhuzhanas mzitvi

(Pridanoje Zhuzhuni, Zuzana's Dowry), Directed by:   Siko Palavandishvili, USSR - Sovjet Union - 1934
Production: Goskinoprom Gruzii - Director: Siko Palavandishvili - Scenario: Siko Palavandishvili - Director of Photography: Vladislav Poznan - Art Director: Salva Mamaladze - Weiteres Team: Sergej Mikhailovich Eisenstein Consultant - Cast: Konstantin Andronikashvili - Kirill Macharadze - Arkadij Hintibidze - Georgij Gabelashvili - Aleksandra Toidze -

Bologna Filmfestival 2018 Program

Selected Programs Bologna 2018